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Skandinavische Familiennamen

In Skandinavien sind Familiennamen viel später als in Deutschland entstanden. Auf Island gibt es bis heute keine festen (erblichen) Familiennamen (von Ausnahmen abgesehen), sondern nur variable Beinamen, die man dem Rufnamen hinzufügen kann. Bei diesem Beinamen handelt es sich traditionell um ein sog. primäres (produktives, d.h. lebendiges) Patronym (den väterlichen Rufnamen im Genitiv) oder ein Metronym (den mütterlichen Rufnamen im Genitiv); Metronyme waren früher sehr selten und nehmen heute zu. Dabei hängen Töchter grundsätzlich die Endung -dóttir an, Söhne die Endung -son. Die frühere Präsidentin hieß Vigdís Finnbogadóttir (Rufname ihres Vaters: Finnbogi). Derzeit regiert Guðni Jóhannesson (Rufname seines Vaters: Jóhannes). Diese Beinamen spielen keine große Rolle, man spricht sich nur mit dem Rufnamen an. Alle AutorInnen werden nach ihrem Rufnamen alphabetisch einsortiert.

Diesen patronymischen Zustand hat man auch für Norwegen, Schweden und Dänemark bis zu Ende 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts anzusetzen. In Schweden musste man 1901 feste Familiennamen annehmen, in Norwegen 1923. Nur der Adel sowie die vermögende Oberschicht waren schon länger im Besitz von Familiennamen. Die zahlreichen Bauern haben dagegen ihr Patronym zum Familiennamen erhoben.

In der schwedischen Terminologie unterscheidet man Familiennamen nicht (wie in der deutschen) nach ihrem Motiv, sondern nach ihren ursprünglichen typischen TrägerInnen: a) Adels- und Bürgernamen, typischerweise zweigliedrige Naturnamen wie Rosengren (‘Rosenzweig’) oder Lindelöf (‘Lindenblatt’), b) Bauernnamen, die mit den Patronymen wie Svensson, Pettersson etc. die mit Abstand größte Gruppe ausmachen, c) Soldatennamen, die aus einstige Übernamen im Heer zurückgehen, z.B. Svärd (‘Schwert’), Rask (‘mutig’), d) Geistlichennamen aus latinisierten Herkunfts- und Hofnamen, z.B. Celsius aus Högen ‘Hügel’ oder Nobel aus dem Landschaftsnamen Nöbbelöv , der zunächst zu Nobelius (mit Akzent auf 2. Silbe) latinisiert und später unter französischen Einfluss zu Nobel apokopiert wurde (Akzent immer noch auf 2. Silbe) (siehe Nobelpreis). Diese letzte Gruppe ist typisch für Schweden, aber nicht für Dänemark und Norwegen. Diese beiden Länder tradieren dafür mehr Hof- und Landschaftsnamen (z.B. Berg, Dahl, Strand, Solberg). Alle drei Länder verbindet jedoch die sehr große Gruppe der Patronyme, siehe die grauen Zellen in der Tabelle. Hier gibt es kleine formale Unterschiede: Die schwedischen Patronyme schreiben sich mit zwei ss; das erste geht (meist) auf den Genitiv zurück, das zweite ist der Anlaut von -son ‘Sohn’, z.B. Karlsson, Pettersson. Die dänischen und norwegischen Patronyme enden nur auf -sen (Karlsen, Petersen / Pedersen). Die beiden letzten Zeilen in der Tabelle summieren die Patronyme: Dänemark führt mit allein 43 Patronymen unter den ersten 50 an (Norwegen: 33, Schweden: 32); bezogen auf die 100 häufigsten Namen sind es in Dänemark 67 (Norwegen: 57, Schweden: 45).

Die 50 häufigsten Familiennamen Schwedens, Norwegens und Dänemarks (Patronyme grau hinterlegt) (Quellen: Schweden: Statistiska centralbyrån 2006, Norwegen: Statistisk sentralbyrå, Dänemark: Namenforschungsinstitut Kopenhagen 2007, Basis: Centrale Personregister CPR):

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Diese vielen Patronyme führten in allen drei Ländern zu massiven Namenkonzentrationen. Deshalb war es von Anfang an erlaubt, Familiennamen zu wechseln. Dieser freie Namenwechsel gilt bis heute, besonders in Schweden wird er häufig praktiziert. Dies hat den Anteil der -son an allen Namen bereits deutlich reduziert, wie aus Tab. 1 im Vergleich zu Norwegen und Dänemark ersichtlich. Dafür sorgt eine zehnstellige Personennummer für die Sicherung der Identität. Dänemark setzt dagegen auf eine andere Strategie: Hier kommt es statt zum Namenwechsel zur Hinzufügung eines dritten sog. Mittelnamens, z.B. John Kousgård Sørensen, Poul Nyrup Rasmussen. Diese Mittelnamen zeigen die Herkunft an oder bestehen aus dem Familiennamen des zweiten Elternteils. Erst 2006 wurde diese rasant zunehmende Praxis ins Namengesetz übernommen. Da zusätzliche Mittelnamen das alte Patronym nicht ersetzen, gibt es in Dänemark nach wie vor die meisten sen-Namen.

Literaturhinweise

Literatur

  • Nübling, Damaris (1997): Deutsch-schwedische Divergenzen in Entstehung und Struktur der Familiennamen. Ein Beitrag zur kontrastiven Onomastik. In: Beiträge zur Namenforschung (BNF). 32/2. S. 141-173.
  • Nübling, Damaris (2011): Familiennamen aus den skandinavischen Sprachen. In: Hengst, Karlheinz/Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Familiennamen aus fremden Sprachen im deutschen Sprachraum. Leipzig, S. 53-79.

Weblinks

Metadaten

Daten zur Erstellung der thematischen Information

AutorIn
Damaris Nübling
Veröffentlichungsdatum
02.05.2021
Zitierhinweis

Nübling, Damaris, Skandinavische Familiennamen, in: Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands,
URL: < http://www.namenforschung.net/id/thema/9/1 >