Zurück zur Liste

Volksetymologie in Familiennamen

Volksetymologie bezeichnet das Phänomen, dass undurchsichtige Wörter durchsichtig gemacht werden können (dies hat mit echter Etymologie nichts zu tun). Viele Fremdwörter sind davon betroffen, z.B. lateinisch arcuballista, eine Bogenschleuder, die im Deutschen zu Armbrust umgeformt wurde. Noch viel mehr sind davon Namen betroffen, weil diese besonders oft fremde Strukturen enthalten, z.B. italienisch Milano zu deutsch Mailand. Dabei geht es nur darum, irgendwie bekannte Wortteile zu gewinnen, die wegen reiner Lautähnlichkeit mit dem Namenkörper assoziiert werden („Pseudomotivation“). So bezieht sich Mailand weiterhin auf die italienische Stadt, obwohl das neue Wort Land und Mai enthält: Beides hilft nicht, den Ort leichter zu identifizieren, aber es hilft, den Namen leichter zu erinnern. Bei diesen Umformungen handelt es sich um unbewusste Prozesse. Grundsätzlich gilt: Je undurchsichtiger und je länger ein Name, desto eher erfährt er Volksetymologie. Davon sind neben vielen Ortsnamen auch Familiennamen betroffen: Wienkop (niederdeutsch ‘Weinkäufer’) > Weinkopf; Balthasar > Waldhauser; Wolfhart, Wolfert > Wohlfahrt; Roßteuscher (zu tauschen ‘handeln’) > Roßdeutscher. Kommen solche Neubildungen durch Verschriftung und Verhochdeutschung von dialektalem oder fremdem Namenmaterial zustande, spricht man auch von Beamtenetymologien: niederdeutsch Kamp ‘Feld’ > neuhochdeutsch Kampf, z.B. Kuhlenkampf, Wasserkampf, Mühlenkampf (< Möhlenkamp), Kampfmeyer; Krec(e)bom, Kreikenbom > Kriegbaum bzw. Kerkebom > Kirchbaum – alle gehen auf ‘Kirschbaum’ zurück; polnisch Majczak > Maischatz; Broszak > Brotsack; Kierzkowski > Kirschkopf; tschechisch Režak > Rehsack. Lettische Familiennamen auf -inš werden im Deutschen manchmal zu -ing umgeformt: Graudinš > Grauding, Ozoliņš > Osoling; selbst scheinbare Endungen wie -igkeit können aus litauischen Namen entstehen, z.B. Bastikaitis > Bastigkeit, Ercikaitis > Erzigkeit, Herzigkeit.

Literaturhinweise

Literatur

  • Dammel, Antje (2011): Familiennamen aus dem Lettischen und Litauischen in Deutschland. In: Hengst, Karlheinz/Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Familiennamen aus fremden Sprachen im deutschen Sprachraum. Leipzig, S. 131-157.
  • Nübling, Damaris/Fahlbusch, Fabian/Heuser, Rita (2015): Namen. Eine Einführung in die Onomastik. 2 Auflage. Tübingen. Hier S. 38-42.

Metadaten

Daten zur Erstellung der thematischen Information

AutorIn
Damaris Nübling
Veröffentlichungsdatum
14.07.2021
Zitierhinweis

Nübling, Damaris, Volksetymologie in Familiennamen, in: Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands,
URL: < http://www.namenforschung.net/id/thema/27/1 >