Zurück zur Liste

Friesische Familiennamen

In Deutschland gibt es nur noch wenige tausend Sprecher des Ost- (Saterland) und des Nordfriesischen (nördliches Schleswig-Holstein). In den Niederlanden (Provinz Friesland) sprechen noch knapp eine halbe Million Menschen Westfriesisch. Dennoch haben sich in Deutschland viele friesische Familiennamen erhalten, die teilweise typische Namenstrukturen enthalten.

Die größte Gruppe bilden einstige Patronyme (Vatersnamen im Genitiv), die meistens auf -s (starke Genitivendung), -en (schwache Genitivendung) oder die Kombination -ens ausgehen, z.B. Harms (Harm als fries. Form zu Hermann), Martinen (zu Martin) oder Mommens (zu Mommo, Koseform zu Mombert). Diese Patronymik wurde so konsequent praktiziert, dass das Wort für ‘Sohn’ meist entfallen konnte. Namen auf -sen (< ‘Sohn’) sind nur noch auf dem nordfriesischen Festland häufig, z.B. Carstensen [≈ Christian]) oder Feddersen [≈ Friedrich]). Da für die Rufnamen der Kinder strenge Nachbenennung meist nach den Großeltern galt, kam es nicht selten zu folgenden sich wiederholenden Benennungsketten: ein Vater namens Hajo Eggen nannte seinen Sohn Egge Hajen, und der Enkel hieß Hajo Eggen. Erst mit Einführung der Standesämter 1874 wurden feste Familiennamen erforderlich, was lange auf Widerstand stieß und heute als Kompromiss zu der in Ostfriesland erlaubten Praxis eines dreigliedrigen Namensystems führte, wo der mittlere Name die alte Patronymik fortsetzt: Almut Frerichs Aden (Frerichs: starker Genitiv zu Frerich [≈ Friedrich]), Johann Roolfs Ebeling. Auch Namen auf -ling gehen auf einstige Patronymika zurück. Familiennamen auf -a (Wiarda zu Wighard), -inga (Poppinga) bzw. -ena (Ottena) führt man auch auf einen Genitiv Plural zurück (‘einer der Ottena’ = ‘einer, der zu den Otten gehört’). Ebenso gelten Namen auf -(e)ma als typisch friesisch; hier diskutiert man, ob es sich auch um eine (verschliffene) Genitiv Plural-Endung handelt oder um den Genitiv Plural -monna/-manna ‘der Männer’ (Ebeling 2001), z.B. Reemtsma (zu Rembert), Sikkema (zu Sikke). Diese Namen auf -a sind so häufig, dass ihre Ausgänge als onymische Suffixe interpretiert wurden und zu Neubildungen mit anderen Basen geführt haben (z.B. Ortsbezeichnungen). Einstige Patronyme bilden die größte Gruppe der friesischen Familiennamen. Solche auf -s und -en(s) sind aber auch für (nieder-)deutsche Namen typisch.

Daneben gibt es Familiennamen auf -stra, die keinen männlichen Rufnamen, sondern ein Toponym oder eine Ortsbezeichnung enthalten. Sie gehen auf Herkunfts- und Wohnstättennamen zurück. Die typische Endung -stra leitet sich aus kontrahiertem satera ‘Insasse, Bewohner’ ab: Hoekstra (‘Ecke’), Dijkstra, Dykstra (‘Deich’). Auch die stra-Endung wurde produktiv und hat sich sekundär an neue Basen geheftet, z.B. Haanstra (zu ‘Hahn’), Kroonstra (zu ‘Krone’).

Karte 1 zeigt das Vorkommen der Namen auf -ema und -stra und verweist dabei auf das Ost- und Westfriesische. Es gibt 171 unterschiedliche Namen auf -ema und 112 Namen auf -stra (Types) mit insges. 1.617 bzw. 1.031 Telefonanschlüssen (Tokens ).

Keine Karte vorhanden. Falls Sie das für einen Fehler halten, schreiben Sie uns.

Karte 2 zeigt das Vorkommen der Namen auf -inga/-enga. Typ [Popp]inga umfasst 39 unterschiedliche Namen (Types), Typ [Popp]enga 38, jeweils mit 1.846 bzw. 1.350 Telefonanschlüssen (Tokens) (berücksichtigt sind alle Namen mit mind. 10 Telefonanschlüssen) (siehe auch Kunze / Nübling 2012, Band 3, Seite 533-534).

Keine Karte vorhanden. Falls Sie das für einen Fehler halten, schreiben Sie uns.

Literaturhinweise

Literatur

  • Ebeling, Rudolf (2001): Ostfriesische Personennamen (nach 1500). In: Handbuch des Friesischen. Tübingen, S. 463-372.
  • Ebeling, Rudolf (2001): Westfriesische Personennamen (nach 1500). In: Handbuch des Friesischen. Tübingen, S. 170-183.
  • Kunze, Konrad/Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Band 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin und Boston. Hier S. 532-541.
  • Timmermann, Ulf (2007): Das friesische Personennamensystem. In: Brendler, Andrea/Brendler, Silvio (Hrsg.): Europäische Personennamensysteme. Ein Handbuch von Abasisch bis Zentralladinisch. Hamburg, S. 237-243. Hier S. 532-541.
  • Timmermann, Ulf (2011): Friesische Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Familiennamen aus fremden Sprachen im deutschen Sprachraum. Leipzig, S. 19-33.

Metadaten

Daten zur Erstellung der thematischen Information

AutorIn
Damaris Nübling
Veröffentlichungsdatum
15.06.2021
Zitierhinweis

Nübling, Damaris, Friesische Familiennamen, in: Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands,
URL: < http://www.namenforschung.net/id/thema/25/1 >