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Chinesische Familiennamen

Chinesische Familiennamen kommen insbesondere in der Volksrepublik China (Festlandchina, Hongkong, Macau) und der Republik China (Taiwan) vor. Viele dieser Namen wurden auch in anderen Ländern in Südostasien wie Korea, Vietnam, Singapur und Malaysia übernommen. Das chinesische Namensystem ist nur begrenzt mit dem deutschen bzw. europäischen vergleichbar. Eine Besonderheit chinesischer Familiennnamen ist beispielsweise, dass der Familienname (姓氏, Pinyin-Umschrift: xìngshì) vor dem Rufnamen (名/míng) steht. Der Familienname ist meist einsilbig (selten zweisilbig) und besteht aus nur einem (seltener zwei) Schriftzeichen. In der chinesischen Gesellschaft werden mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zur Ethnie der Han gezählt, die restlichen zehn Prozent gehören den 55 anerkannten nationalen Minderheiten an. Viele dieser ethnischen Gruppen führen keine Familiennamen, sondern nur Rufnamen (beispielsweise Dai, Mongolen, Yugur, Tibeter, Monba, Blang, Lahu; zu den Namen ethnischer Minderheiten in China siehe Du 1986, Seite 323-326).

Das Chinesische zählt zu den sinotibetischen Sprachen und wird heute von mehr als einer Milliarde Menschen gesprochen. Es handelt sich um eine Gruppe von mindestens sechs chinesischen (sinitischen) Sprachen, darunter Mandarin, Wu, Min, Yue (Kantonesisch), Gan, Jin, Hakka und Xiang (siehe Bußmann 2008, Seite 103). Zur Verbreitung und Häufigkeit der sinitischen Sprachen siehe Wikimedia Commons, letzter Zugriff: 08.12.2023. Alle sinitischen Sprachen sind Tonsprachen (die Tonhöhe bzw. Intonation dient zur Unterscheidung der Bedeutung von Wörtern), ihnen liegt ein mehr als 4000 Jahre altes logographisches Schriftsystem zugrunde (jedes Schriftzeichen represäntiert eine Silbe und gibt Aufschluss über die Bedeutung und Betonung). Die in der Volksrepublik China geltende offizielle Umschrift bzw. Übertragung von standardchinesischen Schriftzeichen in das lateinische Alphabet heißt Pinyin. Das moderne Standardchinesisch wird in der Volksrepublik China als Pǔtōnghuà (普通话), in Taiwan als Guóyǔ (国语) und von in der Diaspora bzw. im Ausland lebenden Chinesen und Chinesinnen als Huáyǔ (华语) bezeichnet.

Die Entstehung chinesischer Familiennamen (姓氏/xìngshì ) reicht je nach Quelle 3000 bis 5000 Jahre zurück. Sie sind in den ältesten Schriftdokumenten (auf Knochen, Bronzen etc.) gut überliefert. Ursprünglich bezeichnete xìng (姓) den Stamm bzw. die herrschende (adlige) Verwandtschaftsgruppe eines Gebiets, dem eine Person angehörte. Dieser Clan- bzw. Gentilname wurde vererbt und diente dazu, Herkunftslinien getrennt zu halten (die Heirat von Menschen mit gleichem xìng war verboten). Das shì (氏) wurde von der Obrigkeit als Auszeichnung für Verdienste vergeben und stimmte häufig mit dem Namen des Gebiets überein, das als Lehen zugesprochen wurde. Viele der Namen entstanden zur Zeit der Zhou Dynastie (1046 bis 476 v. Chr.), sie wurden die längste Zeit ausschließlich vom Adel gebraucht. Aus den alten Abstammungsnamen xìng und shì entwickelten sich in der Zeit der Streitenden Reiche (475 bis 221 v. Chr.) die heute noch gebräuchlichen Familiennamen (xingshi). Sie wurden in dieser Zeit sukzessive von der gesamten Bevölkerung übernommen (zur Entstehung der Familiennamen siehe Du 1986, Seite 317-318; Hanks / Lenarčič / McClure 2022, Seite clxvii-clxxii ). Die chinesischen Familiennamen entstanden damit rund 1500 Jahre vor den Familiennamen in Deutschland und anderen Ländern Europas.

Neben dem Rufnamen (名/ming) wurden im Lauf des Lebens und darüber hinaus weitere Namen ergänzt oder es wurden Namen verändert. Hauptgründe für Namenwechsel waren (siehe Bauer 1959, Seite 54-65) Tabubestimmungen bzw. die Änderung von Namensregelungen und -gesetzen (häufig wurde ein zuvor unverfänglicher Name tabuisiert, Namenwechsel erfolgten aus Ehrfurcht vor Vorfahren, Herrschern etc.; Verbote betrafen z.B. die Benennung nach Gebrauchsgegenständen, Bergen, Flüssen). Weitere Gründe waren ein ungünstiges oder verabscheuenswertes Schicksal eines Namensvetters oder der Wunsch nach Verbesserung des eigenen Schicksals (aufgrund von Wahrsagerei, Horoskopen etc.), zur Bezeichnung eines neuen Lebensabschnitts, zum Schutz von Verfolgung oder die Nachbenennung zur Verehrung eines bestimmten Menschen. Auch konnte ein Namenwechsel als Auszeichnung oder Belohnung für Verdienste oder aber als postum erteilte Strafe erfolgen.

In der antiken Literatur (风俗通/Fengsu Tong ‘Bedeutung von Bräuchen und Gewohnheiten’, ca. 195 n. Chr.) werden neun verschiedene Motive unterschieden (vergleiche Du 1986, Seite 319-320):

1. Benennung nach einer (untergegangenen, zerstörten) Dynastie, z. B. 唐/Táng, 夏/Xià, 尹/Yǐn;

2. Benennung nach dem postum verliehenen Titel eines Vorfahren, z. B. 武/ (nach Song Wu Gong, 765–748 v. Chr.), 庄/Zhuang (nach Chu Zhuang Wang, 613-591 v. Chr.);

3. Benennung nach einem Adelsstand/-rang, beispielsweise 王/Wáng ‘König’, 公/Gōng ‘Herzog’, 侯/Hóu ‘Markgraf’;

4. Benennung nach einem (untergegangenen) Reich, historischen Landesnamen, z. B. 吴/ (12. bis 3. Jahrhundert v. Chr. im Osten Chinas, heutige Provinz Jiangsu), 楊/Yáng (9. bis 7. Jahrhundert v. Chr., in der Mitte Chinas, heutige Provinz Shaanxi), 宋/Sòng (11. Jahrhundert bis 286 v. Chr., Zentralregion Nordchinas);

5. Benennung nach einer offiziellen Position/Stellung, beispielsweise 司徒/Sītú (Titel eines für die Verwaltung zuständigen Beamten), 司寇/Sīkòu (für Strafen zuständiger Beamte), 司馬/Sīmǎ (‎Verantwortlicher für nationale Sicherheit und Militär), 庫/ (‘Lagerhaus’, Verantwortlicher für Lagerhäuser);

6. Benennung nach dem 字/, einem Namen, der bei Erreichen der Volljährigkeit verliehen wurde (Volljährigkeitsname, englisch style name), z. B. 伯/ ‘ältester Bruder’, 仲/Zhòng‎, ‘Zweitgeborener’, 季/Jì‎ ‘jüngster Sohn’;

7. Benennung nach dem Wohnort, etwa 郭/Guō ‘Schutzwall, äußere Stadtmauer’, 東門/Dōngmén ‘Ostpforte, -tor’, 南宮/Nángōng ‘südlicher Palast’;

8. Benennung nach dem Beruf, z. B. 巫/Wū ‘Zauberer, Schamane’,卜/ ‘prophezeien, voraussagen’, 陶‎/Táo ‘Keramik’; 屠/Tú ‘Metzger’;

9. Benennung nach einem Ereignis, z. B.五鹿/Wǔlù ‘fünf Hirsche’ (Name eines Lehens, das einem Verantwortlichen des Reiches Wei zugesprochen wurde, 770-476 v. Chr.).

Diese vielfältigen Benennungsmotive werden im Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands folgendermaßen zusammengefasst:

  • Benennung nach dynastischem Motiv: Zentraler Benennungsgrund chinesischer Familiennamen ist das Gedenken an (untergegangene, zerstörte) Dynastien oder Staaten sowie die Verehrung historischer (adliger) Persönlichkeiten oder Ahnen (Nr. 1–4 oben).
  • Benennung nach Beruf: Bennnungsgrund ist ein Beruf (Nr. 5) bzw. eine offizielle Position/Stellung (Nr. 8)
  • Benennung nach Übername: Hierzu zählen der Volljährigkeitsname (Nr. 6) sowie Namen nach einem Ereignis (Nr. 9).
  • Benennung nach Wohnstätte bzw. Herkunft (Nr. 7): Die Trennung der beiden Motive ist in der Praxis meist schwierig.

Nach Angaben des chinesischen Amts für Statistik waren in der Volksrepublik China 2018 nur etwa 6150 verschiedene Familiennamen in Gebrauch (China Internet Information Center, letzter Zugriff: 08.12.2023; zum Vergleich: In Deutschland gab es im Jahr 2005 rund 850.000 verschiedene Familiennamen). Ca. 85 Prozent der Bevölkerung tragen einen der rund 500 traditionellen Namen, die in der Liste der sogenannten Hundert Familiennamen (Bǎijiāxìng;百家姓; verfasst ca. 960–1279 n.Chr.) aufgeführt sind (Ancestry, letzter Zugriff: 08.12.2023). Bezüglich der Verbreitung der Familiennamen zeigen sich areale Unterschiede. Die nachfolgende Tabelle enthält die häufigsten Familiennamen Chinas (Nationaler Namensbericht 2019, Ministerium für Öffentliche Sicherheit China, letzter Zugriff: 08.12.2023):

Rang Familienname (chinesisches Langzeichen) Familienname (Pinyin)
1 Wáng
2
3 Zhāng
4 Liú
5 Chén
6 Yáng
7 Huáng
8 Zhào
9
10 Zhōu
11
12 Sūn
13
14 Zhū
15
16 Guō
17
18 Lín
19 Gāo
20 Luó

In der Republik China (Taiwan) existierten 2017 insgesamt 1832 Familiennamen, wobei die zehn häufigsten Namen von knapp 53 Prozent der Bevölkerung getragen wurden (Bericht des Taiwanesischen Innenministeriums 2017, letzter Zugriff: 08.12.2023). Die nachfolgende Tabelle enthält die häufigsten Familiennamen Taiwans:

Rang Familienname (chinesisches Langzeichen) Familienname (Pinyin)
1 Chén
2 Lín
3 Huáng
4 Zhāng
5
6 Wáng
7
8 Liú
9 Cài
10 Yáng
11
12 Zhèng
13 Xiè
14 Hóng
15 Guō
16 Qiū
17 Zēng
18 Liào
19 Lài
20

Literaturhinweise

Literatur

  • Bauer, Wolfgang (1959): Der chinesische Personennname. Die Bildungsgesetze und hauptsächlichsten Bedeutungsinhalte von Ming, Tzu und Hsiao-Ming. Wiesbaden.
  • Bußmann, Hadumod (2008): Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Stuttgart. Hier S. 103-104 und 742.
  • Du, Ruofu (1986): Surnames in China. In: Journal of Chinese Linguistics. 14/2. S. 315-328.
  • Hanks, Patrick/Lenarčič, Simon/McClure, Peter (2022): Dictionary of American Family Names. 2. Auflage. Band 1. Oxford. Hier S. clxvii-clxxii.
  • Louie, Emma Woo (1998): Chinese American names. Tradition & Transition. Jefferson und London. Hier S. 22-41.
  • Qian, C. C. (1989): A study on surnames of minority nationalities in China. In: Journal of the Central University for Nationalities (Humane and Social Sciences Edition). 6. S. 13-16.

Weblinks

Metadaten

Daten zur Erstellung der thematischen Information

AutorIn
Anne Rosar
Veröffentlichungsdatum
15.02.2024
Zitierhinweis

Rosar, Anne, Chinesische Familiennamen, in: Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands,
URL: < http://www.namenforschung.net/id/thema/2/1 >