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Movierung

Unter Movierung versteht man den Vorgang eine weibliche Personenbezeichnungen aus einer männlichen abzuleiten (ArztÄrztin), der umgekehrte Weg ist selten (WitweWitwer). Es ist eine Besonderheit einiger slawischer und baltischer Sprachen (z.B. des Russischen, Tschechischen, Slowakischen, Sorbischen und Litauischen), dass zu praktisch allen Familiennamen weibliche Namenformen gebildet werden können (vgl. Václav Havel und Olga Havlová; Vladimir Vladimirovič Putin und Ljudmila Aleksandrovna Putina). Im Polnischen beschränkt sich die Movierung auf bestimmte Suffixe, wie etwa -ski mit der weiblichen Form -ska (vgl. Lech Kaczyński und Maria Kaczyńska, aber Lech Wałęsa und Danuta Wałęsa). Die movierten Formen bezeichnen in der Regel sowohl die Ehefrau als auch die Tochter, nur im Litauischen, Kaschubischen und Sorbischen existieren unterschiedliche Suffixe zur Bezeichnung der Ehefrau vs. der Tochter (z.B. litauisch Vitalija Grybauskienė (Mutter) und Dalia Grybauskaitė (Tochter)). Während es in den jeweiligen Ländern, in denen diese Sprachen gesprochen werden, somit normal ist, dass die Namen von Eheleuten oder Mutter und Sohn bzw. Vater und Tochter letztlich unterschiedlich lauten, ist der automatische Wechsel der Namenform je nach Geschlecht des Trägers/der Trägerin in Deutschland de facto nicht möglich. So kann es in Deutschland bei slawischstämmigen Personen dazu kommen, dass Söhne nicht verheirateter bzw. alleinerziehender Mütter eine ursprünglich nur Frauen vorbehaltene Form des Familiennamens erhalten (z.B. Erich Grabowska), und umgekehrt nach ihrem Vater benannte Töchter eine eigentlich männliche (z.B. Erika Grabowski). In Deutschland waren movierte Familiennamen noch bis ins 19. Jahrhundert hinein üblich (vgl. die Gottschedin) und sind bis heute noch in einigen Dialekten lebendig (u.a. im Hessischen), wenngleich oft mit abwertender Bedeutung (vgl. die Müllern, die Müllersche).

Literatur

  • Czopek-Kopciuch, Barbara (2006): Deutsche Einflüsse in Familiennamen polnischer Herkunft im Ruhrgebiet. In: Rymut, Kazimierz/Hoffmann, Johannes (Hrsg.): Lexikon der Familiennamen polnischer Herkunft im Ruhrgebiet. Band 1. Band 1. Kraków, S. XXX-XXXIII. Hier S. XXXII.
  • Pleskalová, Jana (1998): Tvoření nejstarších českých osobních jmen. 1. Auflage. Band 317. Brno. Hier S. 70.
  • Schiller, Christiane (2008): Familiennamen preußisch-litauischer Provenienz in der Bundesrepublik. In: Zunamen – Zeitschrift für Namenforschung. 3/1. S. 38-58. Hier S. 40-42.
  • Steffens, Rudolf (2014): Nese Seylersen prondenersen in dem Spidal. Sexusmarkierung in rheinfränkischen Familiennamen. In: Debus, Friedhelm/Heuser, Rita/Nübling, Damaris (Hrsg.): Linguistik der Familiennamen. Hildesheim [u.a.], S. 55-84.
  • Szczepaniak-Mendez, Renata (2005): Onymische Suffixe als Signal der Proprialität – das Polnische als Paradebeispiel. In: Brylla, Eva/Wahlberg, Mats (Hrsg.): Proceedings of the 21st International Congress of Onomastic Sciences. Uppsala 19-24 August 2002. Band 3. Uppsala, S. 295-308.

Metadaten

Daten zur Erstellung der thematischen Information

AutorIn
Harald Bichlmeier
Christiane Schiller
Veröffentlichungsdatum
15.08.2019
Zitierhinweis

Bichlmeier, Harald und Schiller, Christiane, Movierung, in: Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands,
URL: < http://www.namenforschung.net/id/thema/3/1 >