Projektgliederung

Cover des 3. Atlasbandes

Familiennamen sind als sprachliche Zeichen Gegenstand der Sprachwissenschaft. Andererseits unterliegen Namen innerhalb der sprachlichen Zeichen spezifischen Sonderbedingungen: Zum einen sind sie aufgrund ihrer Funktion, auf Individuen zu referieren, in ihrer Existenz an Letztere gebunden. Zum anderen wurden bei der Entstehung von Familiennamen Sachverhalte bzw. Objekte sprachlich festgehalten und dann bis heute tradiert, die im appellativischen Wortschatz verschwunden sind. Diese doppelte Fixierung in außersprachlichen Herkunfts- und Verwendungszusammenhängen qualifiziert Namen zu einer erstrangigen Quelle für Untersuchungen auch vieler nichtlinguistischer Disziplinen. Daher erfolgt eine Aufteilung des Familiennamenatlasses in zwei Teile, von denen der eine nur ausdrucksseitige Phänomene behandelt und rein linguistische Zielsetzungen verfolgt (grammatischer Teil), während der andere vorwiegend Aspekte der inhaltlichen Motivation und der Fixierung der Namen an Personen aufgreift und auch den hier ansetzenden interdisziplinären Interessen gerecht zu werden versucht (lexikalischer Teil).

Grammatischer Teil (Bände 1-3)

Teil I liefert eine Grammatik der Familiennamen:

Band 1: Vokalismus (z.B. Müller/Möller/Miller)
Band 2: Konsonantismus (z.B. Ritter/Ridder)
Band 3: Morphologie (z.B. Merkel/Merkle/Merklin)

Diese Bände konzentrieren sich auf graphematische, phonologische, morphologische sowie syntagmatische Erscheinungen und greifen in diesem Rahmen sprachgeschichtlich überregional relevante Phänomene auf, deren Ergebnisse sich in der Diversifikation der heutigen Namenwelt mengenmäßig markant abzeichnen. Der sprachliche Sonderstatus der Familiennamen schlägt sich vor allem darin nieder, dass sie sich – diachron – oft langsamer als die Appellativik und von dieser abweichend entwickeln, dass sie – diatopisch – durch ihre Motivationsbereiche oder den Horizont ihrer Benutzer oft regional eingeschränkt sind und dass sie – diastratisch – der Schicht der Mundart entstammen. Die damit verbundenen Diskrepanzen zwischen Namenschatz und appellativischem Wortschatz bieten interessante Chancen für die Erforschung der Sprachgeschichte. Sie wurden schon immer als Erkenntnisquelle genutzt, was aber bisher nur selektiv möglich war. Jetzt kann dies flächendeckend und systematisch geschehen. Im Unterschied zum Bereich Graphematik/Phonologie ist das onymische Material bei der Morphologie nur zu geringen Teilen mit dem appellativischen kompatibel. Hier werden diejenigen formalen Mittel systematisch in ihrer Verbreitung behandelt, die aus einer appellativischen oder onymischen Basis einen Familiennamen entstehen lassen (z.B. Diminutivsuffixe wie in Stöckel/Stöcklein/Stöckle oder sog. Satznamen wie Hassdenteufel, Springinsfeld).

Lexikalischer Teil (Bände 4-6)

In Teil II wird das Material nach den fünf Grundmotiven der Namenentstehung angeordnet:

Band 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte (z.B. Preuß/Preuße, Wies/Wiese/Wiesen)
Band 5: Familiennamen nach Beruf, körperlichen und charakterlichen Merkmalen (z.B. Winzer/Reber/Rebmann, Starke/Stark)
Band 6: Familiennamen aus Rufnamen (z.B. Jakob/Jäck)

Band 4 versucht erstmals die Beziehungen von Toponymie und Familiennamenschatz eines Landes unter arealem Aspekt systematisch und umfassend aufzudecken und zu dokumentieren. Er betrifft Familiennamen, die einerseits durch die Herkunft der ersten Namenträger motiviert sind (kurz: Herkunftsnamen; Bayer, Rathenow), andererseits durch deren Wohnstätte (kurz: Wohnstättennamen; Bachmann, Gass). Beide verorten die Personen im Raum, die ersten aufgrund ihrer Mobilität, die zweiten aufgrund ihrer Stabilität.
Für Band 5 dienen Sachverhalte wie Wurstherstellung oder Körpergröße als Ausgangspunkt. Dabei steht aus lexikalischer Perspektive die Heteronymie im Vordergrund (Fleischer/Metzger), von der Benennungsmotivation her gesehen interessieren besonders einerseits die Motivationsbereiche (Körpergröße: Klein/Groß), andererseits die Arten direkter, metonymischer und metaphorischer Benennung (Hammerschmied/Hammer, Lange/Stang).
In Band 6 sollen Beispiele dokumentiert werden, die einerseits die Rezeptionsräume einer jeweils repräsentativen Anzahl von ererbten (Heinrich, Konrad) und fremden (Jakob, Peter) Rufnamen mit ihren Varianten abstecken. Andererseits soll es möglich werden, durch Vergleich dieser Beispiele regionale Präferenzen in den Formen der Aneignung und des Gebrauchs der Ausgangsnamen aufzuweisen, bspw. die Bevorzugung von Vollformen (Eberhard), Kurzformen (Eber), Suffigierungen (Eberl).